saciel: Mad Hatter eyes (Default)

Sonntag, 23. September 2007, 50. Tag

Für meinen Geschmack standen wir viel zu früh auf. Aber was sollte man machen. Ich ging gleich zum Geldautomaten um mit dem am Vorabend unerhofft mitgeteilten Reichtum (von 50 €) im Supermarkt erstmal Brotähnliches und Suppe zu ergattern.
Außerdem besorgte ich ein paar Haarspangen vom Straßenhändler, den Nicole auch suchen ging, aber er schien erneut vor ihr wegzulaufen.
Gegen Mittag machten wir uns daran, mein Paket zur Post zu kriegen.

Das war ein Unterfangen in sieben Akten und muss ziemlich dämlich ausgesehen haben, aber immerhin erheiterten wir die lokalen Einwohner.
An der Post angekommen waren wir leicht fertig, aber das Schlimmste sollte erst noch kommen:
Ich hatte extra sorgsam einen Zettel auf chinesisch vorbereitet mit allem drauf, was ich wollte. Dummerweise verstand das kein Schwanz. Es konnte nicht NUR an meiner Schrift liegen, denn ich hatte mir Mühe gegeben und an Schriftzeichen kann man, wenn man sie abschreibt, ja nicht sooo viel falsch machen. Ich denke es lag eher daran, dass die Leute nur Shanghai-Dialekt (Wu) sprachen. Klar zu machen, was ich wollte, war nicht einfach und für mich war es nicht einfach die Formalia auszufüllen. Ein jugendlicher Chinese, der auch Englisch konnte, half dann netterweise aus. Ebenso netterweise wies mir der Mann hinter dem Schalter zu, welchen Betrag ich auf das Paket zu schreiben hatte, um keine Steuern zahlen zu müssen.
Hoffentlich geht das gut.
Noch ein Akt war der Versuch, dem Posttypen klar zu machen, dass die zweite Zollerklärung außen aufs Paket sollte. Völlig sinnlos. Ich gabs auf, hatte ja noch eine im Paket und nahm meine Registrierung entgegen. Zwei Monate soll es dauern, wenn ich Glück habe kommt das Paket also ca. zu meinem Geburtstag an.
Wenn es kommt.
Ich werde ab jetzt wohl tierisch nervös sein, denn in dem Paket sind so viele (literarische) Schätze und wenn sie verloren gingen wäre das für mich ein kleiner Weltuntergang :(
Mittagsessen ließen wir ausfallen, ich ging unter die dringend nötige Dusche. Zwar hatte der Regen kurz aufgehört und die Sonne schien mit aller Kraft, die Luftfeuchtigkeit lag jedoch bei gefühlten 280% und die Kleidung klebte sofort am Körper. Atmen? Unmöglich.
Ich lernte ein paar Vokabeln, aß meine scharfe Suppe und sah fern, fiel aber um 19 Uhr ins Koma und Nicole folgte meinem Beispiel bald.
Wir wurden erst um 21 Uhr vom Anruf ihrer Eltern geweckt... Uups.




Mittwoch, 26. September 2007, 53. Tag

Überraschung!
Statt am Mittwoch, wie geplant, wurde uns am Montag verkündet, dass wir schon Dienstag die Abschlussklausur schreiben "dürfen". Klasse! Weniger Zeit, aber dafür eine Lektion mehr zu lernen. Schon unfair, wenn man die am weitesten Fortgeschrittene Klasse ist.
Also wurde der Montag meinerseits mit intensivem Lernen verbracht- mangels Karten ganz auf chinesische Art- einfach so oft PinYin und Zeichen hinschreiben, bis man es rückwärts singen kann, von allen 15 Lektionen. Dann nach einer Pause noch 30 wiederholt und ein wenig Grammatik gelernt.
Den späten Abend verbrachte ich damit, sämtliche Texte aus dem Buch zu lesen, bis ich die kleinste Schwäche ausgemacht hatte.
Schließlich brummte mir nur noch der Schädel und ich ging schlafen, bzw. versuchte es, denn da Nicole das Lernen bis in die letzte Sekunde herausgezögert hatte (und um 23 Uhr anfing) saß sie noch länger am Schreibtisch.
Am nächsten Tag: Kopfschmerzen aus der Hölle.
Zum ersten Mal Paracetamol einschmeißen, damit sich der Kauf auch gelohnt hatte.
Dann ran an die Klausur, die nicht sooo unglaublich schwer war, dachte ich zumindest.
Ich schrieb mein erstes längeres Essay auf Chinesisch und die mündliche Prüfung verlief etwas schwach, so dass ich von Glück sagen konnte, nur 11 Punkte abgezogen zu bekommen. Dennoch versicherte mir meine Lehrerin, dass ich mich sehr schnell verbessert hätte.
Nach einem Päusschen starteten Nicole und ich zur Fuzhou Rd um noch ein wenig einzukaufen.
Sie war auf der Suche nach ihrer geliebten SERIE, ich schaute nach interessanten Filmen und fand auch einen Jackie Chan, den ich noch nicht kannte.
Auf dem Rückweg besorgte ich mir eine Stange dieser kandierten beeren, die sehr gut schmecken sollten. Da die Spitze unbenutzt war und ich keine Verstaumöglichkeit hatte, war es gar nicht so einfach, das Teil dann nach Hause zu transportieren, ohne jemanden zu erstechen. Vor allem da sich die Chinesen im völlig überfüllen Bus quasi draufwarfen!
Gut, in dem Gedränge hatte ich auch schonmal den ein oder anderen (Selbst-)Mordgedanken.

Im Foreign Languages Bookstore besorgte ich mir mit Nicoles befristeter finanzieller Unterstützung endlich die heißersehnte Anthologie chinesischer Literatur bis zu den Tang in englischer Sprache- ein echter Schinken.
Zwar bekam ich ihn nicht mehr zum Angebotspreis, dafür abernach einem Klimmzug in die dritte Etage fast (!) in einem ordentlichen Zustand.
Das Zeug zu schleppen war aber nicht einfach, weil schwer.
Wir warteten 2 Busse an der Nanjing Rd ab, die alle von einer gefühlten Myriade Chinesen vollgestopft wurden, so dass man sich wirklich nicht nur fragte, wo zum Teufel die auf einmal alle herkamen, sondern auch, wie sich noch einer und noch einer reinquetschen konnte, wo ein Europäer den Bus schon fünf Mal voll genannt hätte, so dass die Türen nicht mehr zugingen!.
Da uns langsam die Arme abfielen, nahmen wir den nächsten Bus, der, wie erwähnt, ebenfalls schnell überfüllt war. Besonders toll für mich, da ich quasi in der Tür stand. Dennoch kein Sauerstoff. Mur wurde mehrmals schwarz vor der Nase und die letzzte Haltesteller erschien mir unendlich weit weg. Um das Schlepperlebnis zu vervollkommenen, kaufte ich noch eine Wssermelone für meinen Vitaminbedarf und ordentlich zu trinken ein. Damit waren wir fix und alle.

Die Beeren von der Stange schmeckten übrigens mäßig. Der Zuckerguss war wie von Paradiesäpfeln, das Zeug selbst schmeckte säuerlich nach Apfel-Pfirsich, bestand aber leider zu 80% aus Kernen. Natürlich konnte ich trotz aller Ermüdung nicht richtig schlafen, es war ja auch Vollmond und somit - diesmal wirklich! Herbstfest, was auch Live übertragen wurde im TV und von dieser Show hätte ich gerne mehr gesehen, aber es war ja zapping angesagt.

Heute Morgen dann natürlich wieder Kopfschmerzen. ohne Ende, als ob es gar nicht mehr aufhören will.
Immer noch Unterricht- mit 5-9 Leuten- Wiederholung der Lektion 30. Zu blöd, dass ich die jetzt schon kann!
Noten bekamen wir auch gesagt, ich bekam schriftlich wie mündlich 89 Punkte, ob das gut ist, oder nicht, weiß ich nicht- als Durchfallgrenze waren sowohl 85 wie auch 60 Punkte im Umlauf (es waren 60). Da Nicole nicht da war, verbrachte ich meinen Tag mit produktivem Fernsehen, Koffer aufräumen, Büchern aussortieren und waschen.
Mein Internet-Café T-Shirt roch ja schon bestialisch nach Rauch, aber was da raus kam war Hammer!
Pures Nikotin!
Das Wasser war auch nach dem 4. Durchwaschen noch braun-gelb und stank, ich war so verzweifelt, dass ich zur Lavendelseife griff!
Was ein wenig half. Was rauchen die Chinesen bloß!? Puren Teer?! Wen wunder es da noch, wenn ich jede Nichtraucheraktion unterstütze?



Donnerstag, 27. September 2007, 54. Tag

Manchmal ist das Leben ein Arsch- oder besser gesagt: Dieses Hotel ist ein Saftladen!
Da Nicoles Vater nicht in der Lage war, wie abgesprochen am Dienstag um Neun anzurufen und nicht meh reinen Tag warten konnte, rief er um 21 Uhr an- an MEINEM Eltern-Tele Tag!
Und danach... oh Wunder, war das Telefon kaputt! Na Toll.
Nicole ließ mich ihre IC Karte benutzen um meinen Eltern bescheid zu sagen, darauf alarmierte ich die Rezeption, die auch recht schnell zwei Telewerker vorbei schickte. Von denen sah sich einer die Leitung an und stellte fest, dass es an diesem Abend um 11 wohl nichts mehr würde.
Sein Englisch war in etwa so gut wie mein Spanisch, aber der Kurs wirkt, wir konnten uns auf Chinesisch einigen. Er sollte am nächsten Tag um acht uhr morgens kommen, da wir ab Neun ja im Unterricht waren und ich gerne ein Auge auf die Sache gehabt hätte.
Ja. Ich bin halt ein misstrauischer Mensch, die Zimmermädchen sind schlimm genug, weswegen ich Wertsachen und Papiere immer unterm Arm trage.
Wir standen dementsprechend früh auf um rechtzeitig fertig zu sein, doch nach chinesischer Art tauchte niemand auf. Der Unterricht war auch ätzend- Grammatikanalyse- und das am letzten Tag!
Also ließ ich mich zu Beginn der Pause entschuldigen und hoffe, dass es mir nicht als halber Fehltag eingetragen wird.
Als ich mittags wieder ins Zimmer kam, mussten die Telewerker da gewesen sein, denn das Zimmer stank nach Zigarettenrauch- aberglücklicherweise ging auch das Telefon wieder. Ich hoffe es überlebt diesmal den Anruf von Nicoles Eltern. Das Wetter war jedenfalls endlich wieder gut und auch recht heiß. Heute ging es endlich ans Klamottenholen.

Wir fuhren mit der 910 zum Stoffmarkt, wo diesmal echt viel los war. Nicole hatte wieder Pech, nun war der Kragen des Qipao endlich so wie sie ihn haben wollte, doch ihr Kleid war viiiel zu eng. Also wieder ändern lassen, was zum Glück schnell ging und nur 2 Stunden dauern würde. Mein Kleid passte und ist wunderschön, es war am Anfang etwas seltsam, wenn man es zurecht rückt sieht es aber sehr gut aus und auch Nicole hatte nix zu meckern.
In der Zwischenzeit gingen wir in den richtigen Stoffmarkt um meinen Mantel abzuholen. Er war wundervoll!
Der schwarze Teil elegant wie erwartet, die Abschlusssari-grüne Seite war noch viel schöner und gefiel sogar Nicole.
Davon brauchte ich noch einen! Mir gefiel ein dunkelroter Stoff, doch ich fand keinen passenden Zweiten. Dann verliebte ich mich in ein Feuerorange mit goldenen Reflexen, auch hier fand ich lange keinen zweiten Stoff, doch dann einen rein weißen mit den gleichen Blumen drauf, falls ich je mal weiß tragen sollte. Außerdem ließ ich mir eine Halbjacke machen, die zu meinem Kleid pasen würde- ursprünglich von einem Bolero, doch bei meiner Oberweite sähe das nicht so gut aus.
Die Dame war sehr nett, dednn ich hatte kein Geld zum Anzahlen, also ließ ich meine Nummer da und die erste Jacke, dafür könnte ich auch ohne weitere Anzahlung am Montag alles abholen. Auf der Suche nach meinem geliebten Samt fanden wir noch ein Kleid für Nicole, nachdem sie bei den Bettdecken enttäuscht worden war.
Den Samtladen fand ich leider nicht mehr, nur noch einen, der Fake-Samt verkaufte und einen, der 85 Yuan pro Meter wollte, allerdings in einem viel zu hellem Rot. Dann erfüllte ich mir den Traum vom Mantel und handelte einen Händler von 850 auf 550 Yuan runter. Der Mantel wird zwar nur Überknie lang, aber das reicht aus, sonst sehe ich zu zwergig aus.
Zudem freute ich mich, da die reulären Mäntel bei 550 Yuan anfangen- doch dieser war aus Kashmir!

Das Innenleben aus orangener Seide, statt lila, was zuvor auch hübsch aber teuer war. Glücklich!
Eigentlich wollten wir noch im 2. Stock stöbern gehen, doch alles begann zu schließen- war halt Feiertagswoche. Wir holten also schnell gegenüber unsere Sachen ab und diesmal passte Nicole auch alles.
Wir also ziemlich kaputt und verschwitzt richtung Bus. Dort bekamen wir natürlich keinen Sitzplatz und der Bus wurde immer voller. Wenigstens beeilte der Busfahrer sich, meine Tasche war schwer genug, da ich mir noch einen "Goldapfel" und einen Granatapfel holte mit Hilfe eines alten Herren, der Englisch sprach (auch wenn ich es allein geschafft hätte). Ich hätte gerne länger mit ihm geredet aber Nicole wollte weiter. Schade.
An der Tongji waren wir total fertig und schmissen uns in den Kedi um uns abzukühlen. Nicole mit Eis, ich mit Pepsi und ... Bier! YAY BIER!
Jetzt habe ich wenigstens auch mal Tsingtao probiert. Als Alt-Trinker war ich natürlich nicht begeistert, aber es war süffig-lecker, schmeckte eher nach Veltins als Paulaner (von dem es ja stammen soll).
Lecker, jetzt noch ne scharfe Suppe und der Anruf meiner Eltern und ich bin Happy- falls das Telefon lebt.



Freitag, 28. September 2007, 55. Tag

Früh aufstehen- für eine volle Stunde Unterricht. Und wir mussten auch noch wirklich die Aufgaben der letzten Lektion machen! Saftladen.
Um 10 kam dann Yu Laoshi mit den anderen rein. Gut, dass die Zertifikatsvergabe in unserem Raum stattfand, so hatte ich wenigstens einen sicheren Sitzplatz.
Die Zertifikate waren in rote Edelpappe gesteckt und wie Yu erwähnte saß er bis morgens um zwei an ihnen. Das merkte man, denn mehrere Personen bekamen gleich zwei identische Zertifikate.
Um 11:30 gab es ein gemeinsames Abschiedsessen im 2. Stock des Restaurants. Diesmal durften wir uns das Essent eilweise aussuchen, so gab es besonders viele Gerichte mit Meeresfrüchten. Beosnders schmeckte mir die Herzmuschel mit Krabben und Schlingbohnen. Der Hauptgang bestand aus frittiertem Mandarinfisch, den man unter "Klasse" als Foto findet und so optisch einiges zu bieten hatte, aber auch sein Geschmack war super.
Leider habe ich nicht viel abbekommen.
Nach dem Essen zogen wir uns zurück aufs Zimmer um ein Nickerchen zu halten, denn ich wartete noch auf Geld und danach wollten wir in den Yu Garten.
Ich ging ins Internetcafé und dann kam der große Dämpfer- denn die letzten Tage waren ja auch viiiel zu nett gewesen:

Mein Bafög wurde um mehr als zwei DFrittel von 395 auf 134 € gekürzt und ich habe keinen Blassen warum. Auch mein letzter Semesterlohn wurde mir nicht gleich gezahlt sondern jetzt in 48€ gestaffelt, Spitze. Nun habe ich nicht mal genug Geld um meinen Sozialbeitrag zu zahlen, was geht in den Köpfen der Bafögleute vor? Geht dort überhauptetwas vor?
Ich war kurz vorm Heulen.
Ich hatte zwar zum Glück noch genug um meine bestellten Sachen zu bezahlen, aber was ist das schon wenn man extrem kargen Monaten entgegen sieht und nichtmal Unibücher, gescheige denn Kopien bezahlen kann? Und Kopieren muss ich ja ohne Ende, da gehen schon 30-40 € pro Monat drauf.
Deprimiert traf ich Nicole wieder und wir wollten eigentlich doch noch zum Garten, schon allein um die Stimmung aufzubessern, doch die Busse waren extrem voll und wir beschlossen lieber im Wujiaochang was essen zu gehen. Eigentlich hatte es mir den Appetit verschlagen, mir war wirklich nicht nach Pizza, also bestellte ich Salat.
Als ob alles nicht schlimm genug gewesen wäre, war dieser auch noch ziemlich vertrocknet.Dennoch traute ich mich das schwarze Sesamsundae zu probieren, das silber-metallic glänzte. Es schmeckte seltsam. Ganz okay, nicht schlecht, aber seltsam.

Nicole zeigte mir noch die Haltestelle für den Shuttlebus zum Flughafen, den ich nun auf jeden Fall nehmen würde. Später suchte ich noch nach DVDs und ging Getränke einkaufen. Außerdem probierte ich den "Goldapfel", der nach einer leckeren Mischung aus Apfel, Birne und Pflaume schmeckte undd ie Konsistenz einer Nashi besaß.
Dennoch ist meine Stimmung im Eimer, wer hätte auch wagen können mir etwas Freude zu lassen?
Aber von hier aus und am Wochenende sowieso kann ich nichts tun. Ich wüsste auch nicht, was meine Stimmung jetzt noch retten könnte, ich hoffe nur, dass die Leute vom Bafögamt mit sich reden lassen.

Profile

saciel: Mad Hatter eyes (Default)
saciel

October 2012

M T W T F S S
1 2 34567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031    

Most Popular Tags

Style Credit

Expand Cut Tags

No cut tags
Page generated 21 Jan 2026 01:58
Powered by Dreamwidth Studios